Anna von Hausswolff Dead Magic Albumcover - Rezension MUSIKMUSSMIT

Album-Tipp: „Dead Magic“ (2018) von Anna von Hausswolff

Sie ist eine großartige Sängerin und Komponistin mit einem besonderen Talent, tiefe Emotionen in ihrer atmosphärischen Musik zu verarbeiten.

Text: Arian Hagen

Inhalt

 

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Warum ausgerechnet dieses Album?

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Ein neues Jahr hat begonnen und alle Musikfans und Kritiker_innen haben uns bereits seit November ihre Favoriten des Musikjahrs 2018 verraten. Ich lasse mir gern mehr Zeit und verbringe meinen Januar damit verschiedene Listen zu durchstöbern, um auf Nummer sicher zu gehen, auch wirklich alle wichtigen Alben gehört zu haben. Bei der unglaublichen Summe, die jedes Jahr an neuer Musik erscheint, eine unmögliche Aufgabe. Aber ich gebe mein Bestes auf der Suche nach dem einen Album, das mich mehr begeistert als alle anderen. Dem besten Album des Jahres.

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Anna von Hausswolff: Mehr als Schwedin und Organistin

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2018 war ein gutes Musikjahr für mich. Viele meiner Lieblingsmusiker_innen veröffentlichten neue Alben: Oneothrix Point Never, Julia Holter, Kamasi Washington, Thom Yorke, Kanye West und Tim Hecker segneten uns alle mit neuer Musik, die ich mit großer Vorfreude erwartete. Auch wenn diese selten enttäuscht wurde, kam nichts an dieses eine Album ran, das ich zu Beginn des Jahres auf Empfehlung von einem Youtuber hin angehört hatte. Anna von Hausswolffs „Dead Magic“.

Es erschien am 02. März  2018 und fand eine Woche später über einen Bandcamp-Link seinen Weg zu mir. Die einzigen Informationen, die ich über Anna hatte, bevor ich auf Play drückte, waren, dass sie Orgel spielt und Schwedin ist. Ich erwartete schon fast ein instrumentales Orgelalbum und wurde beim Hören der Single des Albums „The Mysterious Vanishing of Electra“ von heftigen E-Gitarren und ihrem tollen Gesang überrascht. Als ich schließlich das gesamte Album gehört hatte, fand ich heraus: Anna ist deutlich mehr als Schwedin und Organistin. Sie ist eine großartige Sängerin und Komponistin mit einem besonderen Talent, tiefe Emotionen in ihrer atmosphärischen Musik zu verarbeiten.

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Was macht das Album so besonders?

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Sie arbeitet mit komplexen Liedstrukturen, ungewöhnlichen Taktarten und nutzt geschickt elektronische Effekte um den Klang von akustischen Instrumenten zu verfeinern. Um auf den Punkt zu kommen: „Dead Magic“ ist mein Lieblingsalbum von 2018. Es hat alles, das ich mir von einem Album wünsche: Es funktioniert als rundes Gesamtkunstwerk, steckt voller Emotion und erschafft eine interessante Klangwelt, in die ich gern eintauche. Es ist kreativ und innovativ und zeigt ein hohes Level an technischem Können der Musiker_innen. Ich möchte euch das Album in diesem Text vorstellen und beschreiben. Vielleicht bekommt ihr daraufhin auch Lust es anzuhören und vielleicht begeistert es euch genauso wie mich.

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Zum Album allgemein

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Die schwedische Musikerin Anna von Hausswolff veröffentlicht mit ihrem vierten Album „Dead Magic“, ein düsteres Gesamtkunstwerk, in dem sie innerhalb fünf langer Lieder kompromisslos tiefste Emotionen verarbeitet, um am Ende Harmonie und Ruhe zu erreichen.

Auf seinem Vorgänger „The Miracolous“ hatte die Organistin und Sängerin bereits drei Jahre zuvor anhand von komplexen und opulenten Kompositionen ihr hohes Potential unter Beweis gestellt. Annas kraftvolle und dynamische Stücke führen den/die Hörer_in in eine mystische Welt, in der leidende, depressive Momente mit euphorischen und hoffnungsvollen koexistieren. Auf „Dead Magic“ schafft Anna es all ihre Stärken in einem fokussierten Gesamtkunstwerk zu vereinen. Die Klangwelt der emotionalen Stücke ist durch volle Orgelklänge, verschiedene, atmosphärische  Synthesizer, schwere, heftige Schlagzeugklänge und heftige E-Gitarren geprägt.

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Das Streben nach etwas Großem und Bedeutungsvollem

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Stilistisch fängt Anna Einflüsse von Post-Rock, Ambient, Drone und moderner Klassischer Musik ein. Sowohl die massiven, rhythmischen Abschnitte, in welche die Lieder wiederholt ausbrechen, als auch die dichten Klangteppiche der Ambient-Momente des Albums erinnern an die hypnotischen und martialischen Alben der Rockband Swans, deren Tour Anna in den letzten Jahren als Vorband unterstützte. Wie Swans scheint die Sängerin auf „Dead Magic“ sowohl emotional als auch auf technischer Ebene nach etwas Großem und Bedeutungsvollem zu streben. Jeder Moment des Albums wird mit großer Überzeugung und Intensität aufgeführt. Der volle Klang der Orgel, welche Anna auf allen der Lieder spielt, unterstützt den sakralen Charakter, der fast rituellen Hingabe, dem die Musik gleichkommt. Zudem beeindruckt Anna in ihrer Rolle als Sängerin.

Passend zu den dynamischen, instrumentalen Momenten des Albums, präsentiert sie mit großer Kontrolle über ihrer Stimme sowohl ruhige, harmonische, als auch als intensive, verstörende Gesangsabschnitte. In entspannten Momenten erinnert ihr Gesang an die klaren, weichen Stimmen von Elizabeth Frasier oder Kate Bush. An den inbrünstigsten Stellen singt Anna mit einem wilden Vibrato oder schreit ihre Texte leidend und wütend aus ganzer Seele. Häufig wiederholt sie innerhalb der Lieder kürzere, melodische Phrasen und verziert diese sehr geschickt mit melodischen oder stimmlichen Variationen und verstärkt dadurch die Emotion der jeweiligen Abschnitte um ein vielfaches.

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Co-Star: Randall Dunn

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Co-Star des Albums ist der Engineer und Produzent Randall Dunn, der neben Anna zusätzliche Syntheziser einspielte und „Dead Magic“ aufnahm, produzierte und abmischte. Dunns Arbeit ist ein wichtiges Element für den beeindruckenden Klang des Albums. Wie Anna, schafft er es sowohl die atmosphärischen Ambient-Momente, sowie die lauten, rockigen Abschnitte authentisch und wirkungsvoll zu gestalten. Zuvor arbeitete er mit den Drone- und Metalbands Earth und Sunn O))), sowie an Tim Heckers Album „Virgins“, welches dieselbe Aufgabe meistert.

Dunn lässt Aufnahmen von Annas Stimme sowie ihrer Orgel und den Synthesizern zu dichten, detailreichen Klangflächen verschmelzen, um tiefe atmosphärische Welten voller Dunkelheit und Schönheit zu erzeugen. Den rockigen und lauten Momenten des Albums verleiht er die nötige Massivität und Kraft, die den/die Hörer_innen umhaut, wenn es nötig ist. Für ein Album, das in 9 Tagen aufgenommen wurde, steckt sehr viel Detail und Komplexität sowohl in den Kompositionen, der Aufführung als auch in der Produktion. „Dead Magic“ bleibt durchgängig in seiner düsteren Klangwelt, doch jedes der fünf Lieder ist charakteristisch und hat seine eigene Funktion für das Gesamtwerk.

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Zu den einzelnen Titeln

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„The Truth, The Glow, The Fall“

Das Album beginnt mit „The Truth, The Glow, The Fall“. Ein aufwendiges 12-minütiges Lied, das aus verschiedenen Abschnitten besteht. Es beginnt mit tiefen Orgelakkorden und stereoverteilten Fieldrecordings. Ein hohes Orgelmotiv setzt dazu ein. Synthesizer-Pads spielen kurz angeschnittene Akkorde und Anna beginnt mit klarer Stimme zu singen „After the fall, i’ll find you“.

Mit einem Delay-Effekt (ein echoähnlicher Effekt) versehene Streicher_innen spielen kurze Zwischenspiele dazu. Gitarrentöne, die gebunden von einer Tonhöhe zur anderen wandern und dabei leicht dissonanten Zwischentöne erzeugen, setzen kurze Zeit später ein. Anna singt: „Can you hear the sound? It haunts you!“. Das Lied bricht in einen neuen Abschnitt im 6/4 Takt um, sobald ein Schlagzeug und eine rhythmische Orgelbegleitung einsetzt. Es ist einer der unbeschwertesten und positivsten Momente des Albums.

Leise Glocken sind vereinzelt zu hören. Anna beginnt mit Vibrato eine neue Gesangsmelodie zu singen. Das rhythmische Motiv wird häufig wiederholt. Lange Synthesizer-Töne und atmosphärische Texturen erklingen lauter und lauter über den Rhythmen und erzeugen einen schwebenden Effekt. Es folgt ein langer, instrumentaler Abschnitt mit aufwendiger Klangbearbeitung der Streicher_innen, Orgel, Synthesizer und Glocken. Ein Klavier setzt ein und spielt schwere, laute Akkorde. Ein neuer Liedabschnitt wird darauf Stück für Stück eingeführt. Anna beginnt erneut zu singen und ein weiterer Synthesizer unterstützt mit lang anhaltenden Tönen ihre Gesangsmelodie über den weiterhin bestehenden atmosphärischen
Klangteppich.

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„The Mysterious Vanishing of Electra“

Es folgt „The Mysterious Vanishing of Electra“. Das rhythmischste, rockigste und gleichförmigste Lied des Albums. Es erklingt durchgängig ein mächtiger Schlagzeug und E-Gitarren-Groove. Zusätzlich ertönt ein tiefer Chor und ein Glockenschlag auf der ersten Zählzeit jedes Taktes. Anna gibt eine ihrer extremsten Gesangsperformances. Sie verziert jede Zeile auf eine andere Art und Weise und präsentiert verschiedenste Klangfarben ihrer Stimme. Höhepunkt des Liedes ist ein wiederkehrender „Refrain“, bei dem Anna ihre Stimme immer höher zieht, bis ihr schriller Ton durch einen donnernden Beckenklang beendet wird.

Bei der zweiten Wiederholung dieses Abschnitts fügt die Sängerin ein schizophrenes Lachen hinzu. Das durchgängig bestehende rhythmische Motiv des Schlagzeugs und der E-Gitarre wird im dritten Akt des Liedes variiert. Das folgende Outro ist ein dramatisches Spiel aus einem immer höher werdenden Gitarrenmotiv und Annas hohem Heulen. Nach dem lauten, perkussiven Minuten, folgen ruhige, aber dennoch inbrünstige Ambient-Abschnitte des nächsten Liedes.

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„Ugly and Vengeful“

Dieses Lied ist mit 16 Minuten das längste des Albums. In den ersten vier Minuten sind tiefe Orgelakkorde, Synthesizer und Annas geloopte Stimme, welche als sphärisches Pad verwendet wird, zu hören. Perkussive Akkorde, vermutlich eines Mellotrons, erklingen vereinzelt als tiefe Texturen. Anna beginnt ruhig mit tiefer Stimme zu singen. Es ist fast ein Flüstern. Ihre Stimme ist in Hall getränkt. Der Gesamtklang dieses ersten Liedabschnittes ist ruhig, aber eine Spannung ist zu vernehmen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Verhallte, hohe Schlagzeugcrashes setzen ein und Anna singt kurz darauf mit hoher, klarer Stimme: „I’m restles, I’m older.“. Daraufhin singt sie vermutlich durch einen Harmonizer, der ihre Stimme eine Oktave tiefer erklingen lässt. Ihre tiefe Stimme antwortet auf ihre unverfremdete Gesangszeile und singt kurz darauf im Duett mit dieser, „normalen“ Stimme. Die Verwendung der elektronisch verfremdeten Stimme ist ein interessanter Effekt, der schön subtil und geschmackvoll genutzt wird.

Das Schlagzeug setzt ein. Syntheziser, Orgel und E-Gitarre spielen dasselbe langsame Motiv. Es leuchtet regelrecht über den tiefen Schlagzeugstampfen und einem stetigen tiefen Orgelakkord. Kurz vor der 9 Minuten Marke setzt Anna erneut ein zu singen. Das Schlagzeug spielt nun einen stetigen Rhythmus im 4/4 Takt. Orgeltöne kommen hinzu. Es folgt ein wildes, schneller werdendes Orgelsolo, bei welchem Anna dissonante Arpeggios im 12/8 Takt spielt. Es ist der dynamische Höhepunkt des Liedes und der wildeste Momente des Albums.

Der Schlagzeuggroove bleibt bestehen. Anna singt nun wieder. „And I’m heavy like a star.“ Dieser Moment erinnert mich besonders an Swans. Die Instrumente spielen mit voller Inbrunst und erzeugen neben den sphärischen Klängen einen tiefen, mächtigen Sog. Ein Synthesizer, der ähnlich wie die Gitarre im ersten Lied von einem Ton zum anderen gleitet, unterstützt Annas Gesangsmelodie erneut.

Es folgt ein Tonartenwechsel nach unten und ein langsames, schleppendes E-Gitarren Motiv setzt ein. Nach einem instrumentalen Zwischenspiel erklingt dasselbe Gitarrenmotiv, eine Oktave erneut. Dann setzt das 12/8 Orgelsolo erneut ein. Daraufhin folgt ein neuer Abschnitt: Das Schlagzeug betont nun jede Zählzeit des 4/4 Takts. Dies erzeugt einen Energieschub, den die anderen Instrumente dramatisch unterstützen. Zuletzt beginnt das Schlagzeug Achtel zu betonen. Dann endet das Lied mit vereinzelten, undefinierten Orgeltönen. Nach dem längsten und dynamischsten, folgt der kürzeste Track des Albums.

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„The Marble Eye“

Es ist eine beeindruckend produzierte Orgelkomposition. Zunächst erklingt ein beständiger tiefer Basston, über den Anna Arpeggios und eine leuchtende Hauptmelodie spielt. Tiefe Synthesizer verstärken vereinzelt den Basston. Das Stück ist weniger explosiv als die beiden vorherigen, aber nicht weniger intensiv und melancholisch. Doch einen Hauch hoffnungsvoller und ruhiger.

Diese Eigenschaften werden auf dem letzten Lied, „Källans Återuppståndelse“, fortgesetzt.

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„Källans Återuppståndelse“

Es beginnt mit leisen, hohen Geigentönen, gefilterten Synthesizer-Pads, mit Hall versehene Orgelakkorde und Annas Stimme, die zerhackt und gelooped wurde. Ihre Stimme verschmelzt mit den Melodieinstrumenten zu einer wunderschönen, detailreichen und dichten Einheit. Ein höheres Orgelmotiv setzt als Hauptmotiv des Liedes ein. Anna singt hoch und entspannt. Hier erinnert ihre Stimme am meisten an Kate Bush. Das genannte Orgelmotiv wird als Höhepunkt des Liedes mitsamt eines Synthesizers wiederholt und das Album findet schließlich einen friedlichen und harmonischen Abschluss.

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