Gurr auf dem Maifeld Derby in Mannheim 2019

Review: Maifeld Derby | für Musikliebhaber*innen und gute Menschen

Maifeld Derby vom 14. -16. Juni 2019 in Mannheim
Text und Fotos: Maria Preuß

Mein Umzug von Berlin in die Pfalz hatte zumindest einen Vorteil: Ich hatte die Gelegenheit auf’s Maifeld Derby Festival in Mannheim zu gehen. Als eigentlich totale Festivalverweigerin konnte mich das Maifeld Derby mit grandiosem Line-Up überzeugen. Und meine Mannheimer Freundin mit einem richtigen Bett.

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Freitag: Maisfelder und Aperol Spritz

 

Das Maifeld Derby findet seit acht Jahren am Rand von Mannheim statt. Zu meinem Glück ist eine Freundin von mir ganz in der Nähe aufgewachsen und quartiert sich und Freund*innen jedes Jahr in ihrem alten Kinderzimmer ein, um von dort ganz gemütlich mit dem Fahrrad zum Gelände zu fahren. So beginnt jeder Festivaltag mit einer Radfahrt durch Maisfelder, bei der das weiße Festivalzelt am Horizont immer größer wird und der Bass immer stärker dröhnt.

Den ersten Tag gehen wir ganz entspannt an, weil wir keine Must-Sees für den Freitag haben. Also trudeln wir am frühen Abend ein und erkunden das Gelände. Die Festivalbetreiber*innen haben einen Deal mit dem Maimarkt Gelände, das im Gegensatz zu anderen Festivals eine angenehm überschaubare Größe hat. Es gibt vier Bühnen, zwei davon in Zelten, eine große draußen und eine kleinere, der Parcour d’Amour. Der ist auf einem Reitplatz erbaut, mit schattigen Plätzen auf der Publikumstribüne.

Maifeld Derby in Mannheim 2019

Der Pferdebezug wird nicht nur im Festivalnamen und -logo aufgegriffen, sondern auch in der traditionellen Stockpferd-Dressur. Aber dazu später mehr. Wir tauschen echtes Geld gegen Derby Dollar – kleine Papierschnipsel, mit denen man an den Food- und Getränke-Trucks bezahlt – und gehen zur großen Outdoor-Bühne.

Bei der Show von Ider, die auf der großen Bühne spielen, hake ich das erste (und einzige) To-Do für heute ab und bestelle mir einen Aperol Spritz. Gurr spielen als nächstes und hüpfen wie immer wild herum, werfen riesige Smiley-Luftballons ins Publikum und geben ein bisschen mit ihrer Zusammenarbeit mit Bela B an. Da ich die beiden schon live gesehen habe, schlendern wir zur Lesung von Linus Volkmann, dessen Auftritt-Konzept es scheinbar ist, sich auf der Bühne möglichst unwohl zu fühlen.

Gurr auf dem Maifeld Derby in Mannheim 2019

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Parcels: laut, eng und gut

Meine Festivalbegleitung möchte Parcels sehen, von denen ich nur gehört habe, das sie neuer, heißer Scheiß sind. Ich lasse mich mitziehen, ins große Zelt hinein, weit nach vorne in die Menge, verliere kurz den Anschluss, weil ich begeistert mithüpfen muss, finde die anderen wieder, hüpfe weiter. Fazit: laut, eng und gut. Zum Runterkommen setzen wir uns vors Zelt und beobachten eine Frau, die uns mit ihren Hula-Hoop-Künsten beeindruckt.

Maifeld Derby in Mannheim 2019

Wir essen irgendwas. Sitzen rum, lauschen Musik. Ich bin überrascht, wie wenig gedrängelt wird, wie wenig Menschen versuchen, sich wichtig oder cool zu fühlen. Alle wollen eine gute Zeit haben und gute Musik hören. Alles wirkt ein bisschen erwachsener – aber im allerbesten Sinne. Als wir so bei den Essensständen rumsitzen, beginnt die Show von Sleaford Mods, die ich noch nie gehört habe. Die harten Breakbeats, der britische Akzent und die exzentrische Bühnenshow catchen mich aber sofort. Ich stell mich zur feierwütigen Menge dazu und habe einen neuen Lieblingskünstler entdeckt.

Maifeld Derby in Mannheim 2019

Meine Festivalcrew und ich sind schon viel erschöpfter, als wir erwartet haben. Die Bands waren einfach alle viel zu gut. Wir lassen uns noch von HVOB Bässe und grelles Licht entgegen werfen und treten dann den Rückzug an. Bei Mondschein fahren wir über die Maisfelder, es hoppelt ein Hase an uns vorbei, wir kommen runter von den schönen und vielen Eindrücken.

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Samstag: Carrot Cake und Tränen

 

Nach dem Festivaleinstieg am Freitag liegen hohe Erwartungen auf dem Samstag. Auf dem Zeitplan stehen: Kate Tempest, Alela Diane, Balthazar, The Streets und Raktetkanon. Einsteigen wollten wir aber höchstgradig entspannt: Bier kaufen und vor dem Festivalgelände picknicken (sprich: trinken), bis wir dann am frühen Abend zum Auftritt von Kate Tempest torkeln. Als wir aber gegen 15 Uhr zum Supermarkt aufbrechen, kommt eine Ankündigung auf Instagram. Der Surprise Act dieses Jahr: Annenmaykantereit, 16 Uhr.

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Stell dir vor Annenmaykantereit spielen und alle gehen hin

Von Entspannung also keine Spur mehr. Wir treten in die Pedale und eilen zum Parcour d’Amour, der sich schon ordentlich füllt. Die Jungs stehen neben der Bühne, umarmen sich und dann geht es los. Die Band spielt keine zwei Minuten, da steht das gesamte Publikum. Gefühlt alle Festivalgäste haben sich zwischen die Stuhlreihen gequetscht, es wird mitgesungen und mitgeschunkelt.

Weil mich Annenmaykantereits Musik gar nicht mitreißt, will ich keinem Hardcore Fan den Platz wegnehmen und streunere über das Festivalgelände. Das wortwörtlich wie ausgestorben ist. Ich gönne mir ein belegtes Brötchen und einen Apfelsaft in gediegener Menschenleere. Dann schaue ich beim Parcour d’Amour vorbei, wo im Anschluss an Annenmaykantereit die Steckenpferd Dressur statt findet. Eine Tradition des Maifeld Derbys: Festivalgäste können sich für den Wettbewerb anmelden und mit Stockpferden eine Dressur vorführen. Eine Jury vergibt Punkte, das Publikum jubelt und der Parcour d’Amour macht seinem Namen alle Ehre.

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Kate Tempest: der Frieden in Menschengesichtern

Ich bin bereit für Kate Tempest. Denke ich zumindest. Ich kenne ihre Musik ein bisschen und habe halt ein Herz für Sprechgesang mit britischem Akzent. Sie spielt im großen Zelt, wo sie fast etwas verloren neben ihrer DJ steht, hinter ihr ein großer, roter Kreis. Nach ein paar mehr oder weniger schwungvollen Liedern kündigt sie für den Rest des Sets nur Lieder ihres neuen Albums an, das gerade erschienen ist. Es sei ein wichtiges Projekt für sie und sie hoffe, wir werden es genauso mögen.

Musikalisch wird es insgesamt ruhiger, teilweise verschwindet der Beat ganz und macht Platz für Tempests Predigten, die manchmal ganz schön den Zeigefinger heben. Am Ende des Liedes „Lessons“ will der Beat kein Ende nehmen, es wird lauter, die Töne unangenehmer, das Flackern greller. Einige halten sich die Ohren zu. Ich genieße die Eindringlichkeit.

Dann das letzte Stück. Das Sprechtempo ist langsamer, der Inhalt besser verständlich. Es geht um Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt. Es geht um den Frieden, den Tempest in Menschengesichtern sehen kann. Sie schaut ins beleuchtete Publikum. Sie sagt: Das ist der Grund weiter zu machen. Ein Mann vor mir wischt sich die Tränen weg. Neben mir sehe ich glasige Augen und auch ich habe einen Kloß im Hals. Kate Tempest geht und bleibt noch lange neben der Bühne stehen, umarmt von ihrer DJ.

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Darauf erstmal Kuchen

Auf so eine berührende Performance war ich nicht vorbereitet. Der Carrot Cake, den eine Freundin mitgebracht hat, hilft nur wenig. Ich bleibe bei Tomberlin auf der Parcour d’Amour Bühne hängen. Auch wieder so eine Frau, die quasi allein auf der Bühne steht und ihr Herz ausschüttet. Sie erzählt, es sei ihre letzte Show auf ihrer Europa-Tour. Und das Touren toll klinge, aber sehr einsam sei und sie froh sei, dass es jetzt vorbei ist. Die nächste auf der Parcour d’Amour Bühne ist Alela Diane, die in die selbe Kerbe schlägt. Frauen, die ihren Traum vom Musikmachen leben, trotz Widrigkeiten – das ist mein verdammter Soft Spot und ich bin den ganzen Tag kurz vorm Heulen.

Also schnell weiter zu Balthazar. Gut aussehende Jungs aus Belgien, die lässigen Indie-Pop spielen. Das soll mich ablenken. Leider springt der Funken nicht ganz über. Die musikalischen Details, die ihr neues Album für mich so mitreißend machen, gehen leider bei der Abmischung unter. Aber auch ok, dann komme ich schneller zu The Streets. Mein Plan: so weit wie möglich vorne zu stehen.

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The Streets: Glutenintoleranz und leichter Sexismus?

Ich war circa 13 Jahre alt, als ich zum ersten Mal „Original Pirate Material“ gehört habe. Es war eine Erleuchtung, eine Eröffnung in eine neue Welt abseits von Charts-Musik. Ich glaube, The Streets haben meinen Musikgeschmack sehr entscheidend mitgeprägt: komplizierte Beats, melancholische Melodien und Texte, keine eingängigen Popsong-Strukturen. Trotz dieser immensen Wichtigkeit habe ich The Streets nie live gesehen und war sehr traurig, als ich 2011 gehört habe, dass Mike Skinner keinen Bock mehr hat mit The Streets live zu spielen.

Jetzt tritt er wieder auf. Aber ob er wirklich Bock hat, muss ich leider bezweifeln. Den Einstieg der Show finde ich erstmal genau richtig: „Turn the Page“, der Opener des Debütalbums ist auch der Opener für die Show. Dann fängt Skinner schnell an uns zu erzählen, dass er hier Dienstleister ist und dafür bezahlt wird, uns zu unterhalten. Und wenn wir eine gute Zeit haben wollen, sollen wir uns einfach dazu zwingen, zu lächeln, dann kommt die gute Laune schon. Plötzlich verschwindet er in der Publikumsmenge, erzählt noch mehr Weisheiten, kommt wieder auf die Bühne und verteilt Sekt, weil er kein Bier trinken kann. Wegen Glutenintoleranz. Aha.

Zwischen seinen Monologen kommt auch immer wieder Musik, quer durch seine Diskographie, meistens nur relativ kurz angespielt, während Skinner weiter philosophiert. Das Geheimnis zur guten Stimmung seien die Frauen, die müssten erstmal „unlocked“ werden, dann ziehen auch die Männer nach. „Guys, unlock the ladies!“ – äh, nein? Meine Festivalbegleitung verziehen sich, die haben keinen Bock auf Sexismus. Aber ich kann Mike Skinner noch nicht ganz aufgeben. Er erklärt, dass es schade sei, dass auf Konzerten Frauen sich nicht trauen Crowdsurfing zu machen, dass es aber genauso okay und unbegrapscht möglich sein sollte. Am Ende lassen sich dadurch vier Frauen motivieren, sich über die Menge tragen zu lassen und ich bin ein bisschen besänftigt.

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Der gute Abschluss: Noiserock von Raketkanon

Da aber die Weisheiten zu Positiver Psychologie nicht aufhören und dadurch die Musik untergeht, trete auch ich vor Ende der Show den Rücktritt an. Auch weil neben mir eine Frau mit viel zu dicken Rucksack nicht mehr gut gerade stehen kann und ich mich bedrängt fühle. Ich schaue noch bei einer Lesung vorbei, bei der ich aber keinen Einstieg mehr finde und steuere dann das kleinere Zelt an für den letzten Programmpunkt.

Raketkanon sind auch Belgier, haben aber sonst keine weiteren Parallelen zu Balthazar. Bei Raketkanon wird nicht fröhlich mitgehüpft, sondern entweder im Moshpit gegeneinander gesprungen oder – für die Introvertierteren – der Kopf geschüttelt. Ich probiere ein Mittelding aus, aber irgendwo im hinteren Teil des Zeltes, weil ich keinen Bock auf Körperkontakt habe. Aus sicherer Entfernung genieße ich den Lärm, der heute das Mitreißendste ist, was ich gehört habe.

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Sonntag: Rumsitzen bei Folk-Musik

 

Ich könnte schwören, ich höre auch am nächsten Morgen immer noch ein Fiepen. Also wird der Sonntag noch mal extra ruhig angegangen. Am Nachmittag hole ich mir erstmal ein Käffchen (mit meinem wieder verwendbaren To-go-Becher dank sehr nettem Security-Personal!), finde mich im Parcour d’Amour ein und lausche den letzten Töne von Children. Dann stürze ich wie ein Teenie-Fangirl nach vorne, um in der ersten Reihe einen Platz bei Lisa Morgensterns Show zu ergattern.

Lisa Morgenstern auf dem Maifeld Derby in Mannheim 2019 | MUSIKMUSSMIT

Seit ein paar Wochen höre ich exzessiv ihr Album „Chameleon“. Morgenstern hat eine klassische Musik- und Gesangsausbildung und schöpft ihr Können gnadenlos aus. Oktavensprünge, Klaviersoli, alles kein Ding. Glücklicher Weise ist sie aber nicht in der Klassik hängen geblieben, sondern konnte sich für elektronische Musikinstrumente begeistern, die ihre wohlkomponierten Songs auf ein next level heben.

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Lisa Morgenstern, Black Sea Dahu und Abendsonne

Auf der Bühne stehen links ihre Synthesizer und rechts ihr Klavier. Zwischendurch spielt sie beide Instrumente gleichzeitig und erinnert dabei ganz stark an Tori Amos‘ virtuose Auftritte an zwei Instrumenten. Ihre Musik ist düster, langsam, manchmal etwas skurril, wenn ihre Stimme in übermenschliche Höhe tritt – und ich bin gänzlich mit Glück erfüllt.

Im Anschluss spielen Black Sea Dahu. Eine Schweizer Band, die schon seit einigen Jahren zusammen Indie-Folk macht. In Deutschland wurden sie im vergangenen Jahr mit dem Lied „In Case I Fall for You“ bekannter, das sehr gekonnt Herzschmerz tanzbar macht. Die gnadenlos ehrlichen Lieder schreibt vor allem die Sängerin Janine Cathrein. Die Sitzreihen füllen sich, am Ende stehen einige. Das Maifeld Derby Publikum hat viel übrig für Folk-Musik mit „echten Instrumenten“.

Black Sea Dahu auf dem Maifeld Derby in Mannheim 2019

Das zeigt sich auch später bei Faber, bei dem alle ausflippen. Er und seine Band spielen in der großen Zelthalle und bringen alle noch mal zum Tanzen. Nur mich nicht. Meine Ausflipp-Kapazitäten sind schon aufgebraucht. Ich gehe raus und schaue in den Abendhimmel. Vereinzelte Festivalgäste haben die raren Schattenplätze unter den drei, vier Bäumchen ergattert. Andere suchen im Schatten eines Zaunes Zuflucht.

Black Sea Dahu auf dem Maifeld Derby in Mannheim 2019

Janine Catherin von Black Sea Dahu

Ein paar fluffige Wölkchen stehen über der großen Zeltbühne, die letzten Derby-Dollar werden wieder gegen echtes Geld umgetauscht. Und es ist Zeit, tschüss zu einem intensiven Wochenende zu sagen. Das Schöne: Die Intensität des Maifeld Derbys nährt sich nicht aus Alkohol, Schlafmangel und einem Isomatten zerstörten Rücken. Sondern aus Musik.

PS: bei MMM auf Instagram könnt ihr meine Story zum Festival sehen, meine heißen Musik-Tipps könnt ihr hier nachlesen und reinhören.


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