Im Plausch mit: Drangsal

Drangsal Interview MUSIKMUSSMIT und Tourdaten Credits Jim Rakete
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  • Beitrag zuletzt geändert am:12. Februar 2019
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Nichts ist sicher und es nervt.

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Interview am 20. April 2016
Text und Interview: Till Brokhausen // Foto: Jim Rakete

„Er ist heute nicht gut gelaunt“, warnt mich der Manager als ich die Büros des Buback Labels in Hamburg betrete, wo Drangsal zum Gespräch wartet. Der junge Max Gruber, wie er bürgerlich heißt, hat am Freitag sein Debütalbum „Harieschaim“ veröffentlicht und belebt darauf die 80er Jahre und Darkwave wieder. Seine Texte, die er vorträgt als hätte er nicht nur das Genre sondern auch gleich die alte Riege aufgefrischt, sind voll von Ablehnung, Sehnsucht und Fetischen. Auf schlechte Laune, gar Trotz, bin ich also eingestellt. Doch mit Drangsal zu quatschen macht Spaß und fördert interessante Ansichten über schlechte Launen, gute Diskographien und die Unplanbarkeit des Lebens zutage.

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Moin, bist du gut in Hamburg angekommen?
Ja, doch. Um 5 aufgestanden, um halb 7 losgefahren, um halb 9 war ich hier, glaube ich.

Und dann ging’s schon los?
Ja.

Noch keine Gelegenheit gehabt, dich ein wenig umzusehen?
Nee. Ich kenne Hamburg ja, aber ich hatte heute keine Zeit anzukommen. Aber das ist ok. Nicht schlecht, was zu tun zu haben. Da sollte man sich nicht beschweren.

Du hast in einem anderen Interview erwähnt, dass du nebenbei schon an einem zweiten Album arbeitest…
Man arbeitet ja immer an Songs. Das große ganze, ausgefallene Konzept, das ich jetzt bei „Harieschaim“ habe, liegt bei dem natürlich noch in weiter Ferne. Aber ich würde zumindest gerne die Demoaufnahmen fertigstellen, bevor die ganze Review-Sache passiert. Das habe ich immer so schön gesagt, aber das hat dann nicht geklappt. In Zukunft habe ich dann viel mehr Fremdeinfluss, auch unterschwellig. Das erste Album ist ja immer noch ein bisschen unbefleckt, weil noch keiner zugeguckt hat. Und jetzt gucken alle und man fragt sich „Soll ich das tatsächlich machen?“ und guckt sich um und wartet erstmal wie die Leute reagieren. Eigentlich möchte ich das vermeiden.

Ein Teil deines Werdegangs ist ja gewesen: „Das bin ich und ich will so sein. Wenn jemand was dagegen hat, mach ich´s noch krasser.“ Jetzt bist du irgendwo angekommen, wo du eigentlich problemlos sein kannst, wie du sein willst…
Man eckt ja immer noch an. Ich bin ja immer noch ein schwieriger Charakter und ich glaube ich bin auch ein Mensch, der sich was neues baut, wenn er nichts findet, woran er sich das Horn abstoßen kann. Ich finde immer irgendwas, das mich stört, das ist so’n Motor. Diese Trauer, Wut.

Du hast vorhin ein „Tagesschau-Ding“ erwähnt, das du heute hattest. War das deine erste Berührung mit dem Fernsehen?
Nee, beim Videodreh [zu „Allan Align“] hat das ZDF uns auch gefilmt. Heute das, das ist schon echt official, wenn du da stehst und in diese sieben Kameras schaust, alle ferngesteuert, im Hintergrund ’ne Riesenregie und du stehst in diesem Set, das jeder kennt, dieses blaue Teil. Schon lustig. Wirkt schon wie das erste Mal richtig.

Klingt als hättest du doch einen guten Tag gehabt.
Pressetechnisch ja. Aber persönlich geht’s mir gar nicht so gut. Aber das ist ja auch gar nicht so schlimm. Man hat solche und solche Tage. Es geht darum das Ruder rumzureißen.

Darf ich fragen, warum du heute angeblich nicht so gut drauf bist?
Lieber nicht. Und wer weiß wie es in einem Jahr aussieht, ob es sich bis dahin auflöst. Diese Unwissenheit ist ja das Schlimme. Aber so ist es, man sehnt sich nach einem Punkt der Auflösung, als ob das was momentäres wäre, wie eine Reaktion. Man wartet auf die Erleichterung, aber es ist ja nicht wie auf’s Klo gehen, man muss ja immer wieder und sagt nicht „Ich freu‘ mich schon, wenn ich nie wieder auf’s Klo muss.“ Nein, irgendwann guckt man zurück und sieht es hat sich aufgelöst. Man kann das vorher nicht bestimmen, sonst wäre alles ganz einfach. Es kommt alles eben doch ganz anders. Wer weiß wann’s wieder gut ist und ob es irgendwann mal wieder gut wird. Kann man nicht sagen.

Klingt schlimm.
Ach irgendwie gar nicht. Man sollte sich einfach nicht vornehmen, wie es einem irgendwann geht und es stattdessen passieren lassen. Man nehme sich Zeit, um traurig zu sein, und findet vielleicht auch Zeit, um wieder glücklich zu sein. Keiner mag’s wenn sich Lebensumstände ändern, man würde es sich nicht aussuchen.

Also den Moment leben?
Weiß ich auch nicht so recht. Ich bin sehr auf Ordnung und Sicherheit bedacht und weiß gerne was wann passiert. Ungewissheit fuckt mich ab. Aber man kann’s nicht vermeiden und genau damit hat man zu kämpfen.

Nichts ist sicher…
Nichts ist sicher und es nervt.

Ich würde an dieser Stelle gerne auf das Thema Sexualität zu sprechen kommen, weil ich heute morgen nochmal das Video zu „Love Me Or Leave Me Alone“ gesehen habe. Ihr habt Zwillinge dafür gecastet?
Ja.

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Ok, ja… Es geht um Geschwisterliebe?
Hatte ich nicht, fand ich aber gut. Eine Liebesbeziehung darzustellen wär‘ viel zu einfach. Ich fand’s viel schöner mit dem Narzissmusgedanken zu spielen, sich selbst zu lieben. Aber als zweite, eigenständige Person… schizophrenie-mäßig.

Diese Ambivalenz ist dir ja auch irgendwie eigen.
Total und ich fand das is‘ ’ne schöne Idee. Jonas der Regisseur meinte „Wir kriegen das alles so hin, wie du willst. Nur das mit den Zwillingen, kann sein, dass das nichts wird“ und es hat lange gedauert bis wir welche gefunden haben. Glaub‘ mir, sie wollten auch explizit nicht namentlich erwähnt werden. Also so ein bisschen Scham hängt da noch mit.

Wie war die Zusammenarbeit?
Ich war nicht dabei. Mein Part wurde separat gedreht. Das wollte ich dieses Mal auch so, weil ich das letzte Mal [„Allan Align“] sehr involviert war. Gerade bei Videos wäre es glaube ich so, dass das sonst jedes Mal dasselbe wird. Da habe ich keine Lust drauf.

Thema Musik aus den 80ern, Bandvergleiche wurden ja schon ausreichend gezogen. Wie rebellisch kann man sein, wenn man sich auf eine vergangene Generation beruft? Musikalisch wie auch inhaltlich zum Teil?
Weiß ich gar nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, rebellisch sein zu müssen. Mir gefällt die Art wie die Musik gemacht wurde, also schreibe ich Songs und will, dass sie so klingen. Aber es ändert sich ja immer, es ist so ein Stream of Consciousness, in dem man sich bewegt, und man verändert sich zum Glück. Aber es käme mir genausowenig unmöglich vor, wenn ich jetzt rebellisch sein müsste. Ich muss ja nicht kopieren, muss ja nicht so aussehen oder bestimmte Dinge genauso machen. Es wird schwieriger zu experimentieren, aber ich wollte auch relativ wenig experimentieren. Das ist ja auch ’ne Art Kompromisslosigkeit, etwas genauso zu machen. So gefällt’s mir und so mach ich’s dann auch.

Ich finde deine Musik ist ein interessanter Gegensatz zu dem was Casper macht, der dich ja auch unterstützt. „Hinterland“ war so ein pastorales Eskapismus-Ding, das in dieselbe Kerbe schlägt wie die Musik von Annenmaykantereit.
Finde ich nicht. Die haben Fans, die beides gerne hören. Es gibt Leute, die hören Casper und Drangsal, und mit Sicherheit Leute, die hören Annenmaykantereit und Drangsal. Und Leute, die hören nichts von alldem. Ich bin mit Casper befreundet und Marcus Ganter hat ja auch das Album produziert. Ich bin jetzt auch nicht der größte Fan von seinen Stücken. Es gibt welche, die mag ich sehr gern. „20qm“ zum Beispiel finde ich unfassbar und treibt mir immer Tränen in die Augen. Andere gefallen mir weniger.

Gibt es einen Künstler, dessen kompletten Katalog du magst?
Klar, bei The Smiths ist es so, dass ich 99% gut finde, und bei Prefab Sprout.

Was ist mit den 1%?
Bei The Smiths ist es „Golden Lights“. Ein Cover von ’nem 60er Jahre Girlie-Hit, den Morrissey unbedingt covern wollte. Es ist echt der einzige Schandfleck in deren Diskographie und der ist so obvious irgendwie, der Song geht einfach gar nicht. Wie der produziert ist. ‚Ne Black Metal Band würde auch nicht Britney Spears covern. Ich kann auch keinen Burzum-Song covern, das würde einfach nicht funktionieren. Und so ist es bei The Smiths. Bei Prefab Sprout kann man sich in die Songs reinfühlen, glaube ich. Vor ein paar Monaten hätte ich vielleicht noch „Queue Fanfare, der ist nicht so geil“ gesagt und jetzt bin ich dem Song komplett verfallen. Aber bei The Smiths habe ich alles gehört, von Probeaufnahmen bis zu jedem scheiß remastered Album. So ’ne Sache könnte perfekt sein und dann passiert „Golden Lights“. Wie eine Band, die einfach saugeil war, und dann reunited sie sich und es ist so [genervtes Boah].

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Du singst meistens auf Englisch…
Stimmt, das war aber keine bewusste Entscheidung. Ich wollte eigentlich auch nur auf Englisch singen, und dann ist mir aufgefallen, ist doch scheißegal, ich kann ja machen was ich will.

Momentan tendierst du aber eher zu Englisch, was ich schade fand. Mir hat „Will Ich Nur Dich“ auf dem Album am besten gefallen und der ist ja die Ausnahme.
In letzter Zeit habe ich mehr deutsche als englische Stücke geschrieben. Und die anderen kann man sich einfach auf Deutsch denken.

Vielleicht coverst du dich ja auch irgendwann selbst?!
Oh nee, über sowas will ich nicht nachdenken. Ich wüsste nicht wer zu so einer Schandtat bereit wäre.

Manchmal ist es so, dass man auf das alte Material zurückschaut und denkt, dass sei man nicht mehr, da müsse man nochmal drüber.
Ja, aber man muss solche Sachen auch einfach ruhen lassen. Einen Strich drunter ziehen und sagen „Das ist jetzt so und ich mach mit was anderem weiter. Das wird genauso geil, wenn nicht sogar besser.“ Der Weg ist ja das Ziel und die Arbeit an dem Album war auch geil so. Ich find´s auch immer schön, wenn man auf etwas zurückblicken oder auch sagen kann „Hach, es ist vorbei“.

Momentäre Erleichterung.
Auf jeden Fall. I am all for momentäre Erleichterung.

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Drangsal Tourdaten 2018
24.10. Karlsruhe – KOHI
27.10. München – Ampere
15.11. Hannover – Café Glocksee
16.11. Berlin – SO36
17.11. Hamburg – Uebel & Gefährlich
29.11. Leipzig – UT Connewitz
30.11. Mannheim – Alte Feuerwache
01.12. Köln – Gloria Theater
02.12. Bochum – Rotunde

Gastbeitrag

Ich bin viele. Ich habe Spaß am Schreiben und Teilen, darum lest hier auch etwas von mir.

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