Pop-Kultur Berlin 2018 Berlin MUSIKMUSSMIT

Review: Pop-Kultur 2018 in der KulturBrauerei Berlin

4. Pop-Kultur vom 15. – 17.08.2018 in der Kulturbrauerei Berlin
Text und Fotos: Friederike Suckert

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Angekommen

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Das ist die Pop-Kultur in der KulturBrauerei, das war an jeder Ecke spürbar. Das Wandervogel-Konzept macht einfach keinen Sinn mehr, denn dort haben sie alles: gute Erreichbarkeit, diverse, meist barrierefreie Venues in allen Größen, ein Kino und nun auch ein Kellergewölbe. Das Einzige, was nicht funktioniert, ist die Getränkepolitik: Kannste knicken, dass du dein teures Bier aus dem Kesselhaus mit ins Palais bringen kannst.

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Mittwoch.

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Na, und ich durfte in diesem Jahr mit meiner im letzten Jahr rekrutierten Pop-Kultur-Gang dabei sein, was für genau die Abwechslung sorgt, die das vom Musicboard Berlin organisierte Festival bietet. Wie schon im letzten Jahr konnte der BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) nichts damit anfangen und störte massiv den Eröffnungstalk „Boycott“ mit Berliner Kultursenator Klaus Lederer. Da der Talk so schnell ausverkauft war, war ich nicht dabei, aber dafür die Taz.

Ich habe mich lieber von meiner Clique inspirieren lassen und habe mir erstmal bei …And You Will Know Us by the Trail of Dead die Birne freigepustet. Die Alternative-Rocker haben noch einmal ihr erstes, selbstbetiteltes Album komplett durchgespielt. Ich kannte die gar nicht, bekam aber gleich teenager-liche Headbang-Anwandlungen. Die anderen im Publikum mal wieder eher nicht so, aber das ist mir ja an der Pop-Kultur schon immer aufgefallen: die Leute sind oft sehr zurückhaltend. Bei der Band nicht verständlich, denn die haben wirklich alles gegeben. Naja, am ersten Abend müssen wir alle erstmal warm werden, wir Berliner Kaltschnauzen.

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Dann ging es zum Talk der Pop-Hayat. Die Pop-Hayat (Hayat heißt Leben) wurde von Yeşim Duman kuratiert, die in Hamburg sehr erfolgreich die queeren Parties Bubble und Erdo-Gay veranstaltet. Ihr Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf Postmigration und Queerfeminismus. In diesem Talk sollte es nun im weitesten Sinne um Hip Hop gehen und wie in der deutschen Sprache provoziert werden kann. Dafür war die Ikone, für mich ist sie es zumindest, Lady Bitch Ray geladen und die Journalistin und Autorin von “Ellbogen”, Fatma Aydemir. Das war in den 40 Minuten leider nicht machbar und wurde nur kurz angerissen. Es ging viel mehr um die Generalisierung von Migrant_innen als Türkisch-Sein im allgemeinen und dass dabei nicht zwischen Kurdisch- oder Alevitisch-Sein differenziert wird. Wie sie sich selbst bezeichnen ist wichtig, der Begriff „Kanak“ fiel recht oft, aber ich als „Alman“ und Kartoffel werde die Teufelin tun und ihn auch benutzen. Und natürlich werden auch sie für ihr Handeln verurteilt, müssen sich von allen Seiten anhören, dass eine Frau sich so nicht benimmt, so nicht redet und so weiter. Dabei ist die Rolle von Lady, oder besser Doktor Bitch Ray nicht zu verachten. Sie war die erste Hip Hop-Künstlerin, die den Begriff „Bitch“ in Deutschland positiv belegt hat und generell ist sie eine der wenigen Künstlerinnen, die autark von Männern arbeitet. Im deutschen Hip Hop ist das quasi unmöglich. Es ging vom Hundertsten ins Tausendste, ich könnte hier eine Abhandlung draus machen und hätte trotzdem kein Fazit. Außer, dass ich „Ellbogen“ lesen muss.

Mit Female HipHop ist der Abend dann auch ausgeklungen: die nigererianisch-britische Rapperin Flohio hat uns noch die letzten Energien aus dem Körper hopsen lassen. Die 50/50-Quote der Pop-Kultur lässt einen so viele Künstlerinnen kennen lernen, die man sonst vielleicht nie gesehen hätte.   Hört sie Euch mal an, sie ist live noch besser.

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Donnerstag.

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Den zweiten Abend haben wir dann mit dem Talk „The kids are alt-right?“ begonnen, in dem über die Strategien der NeoNazis in der Popkultur und in der Mode gesprochen wurde. Das war natürlich sauinteressant, denn hattet ihr so richtig auf dem Schirm, dass der Red Bull-Boss Mateschitz superrechts ist? Dass er den Fernsehsender Servus.TV betreibt, in dem immer wieder AfDler_innen und Konsorten eine Plattform geboten wird und er eine Rechercheseite a la Breitbart gründen möchte? Red Bull ist eine wichtige Geldquelle, gerade auch für Musik-Festivals, und so schleicht sich die Menschenfeindlichkeit eben ein. Aber natürlich gibt es auch Gruppen, die offensichtlich mit ihrem zutiefst rechten Gedankengut hofieren: Die Identitären. Stramme Jungs bei der Gartenarbeit und Mädels mit straffen Zöpfen, die backen. Und die tummeln sich dann mit fünf Filtern drauf auf Instagram und tragen T-Shirts mit teils versteckten und teils offenen fremdenfeindlichen Botschaften. Es sind halt nicht nur Höcke und die Pegizei, die nicht viel von Demokratie halten.

Nach der traurigen Erkenntnis einiger, dass wir nun Red Bull boykottieren sollten (ich mag ja die Cola ganz gern), sind wir rüber zu Anna von Hausswolff. Die recht kleine Schwedin muss sich auf einem Mittelalterfest ein paar recht stattliche langhaarige Schweden für die Show ausgesucht haben, denn dieses Metal-Konzert war das Beste. Ihre hohe Stimme über krassen Geschrammel, hier und da war sie auch mal an Gitarre und Piano zu finden. Würde ich mir normalerweise nie ansehen, hat sich aber gelohnt. Was für eine Show.

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Dann folgte das eigentliche Highlight: Neneh Cherry! Selten kenne ich so viele Gesichter im Publikum. Und alle waren gespannt, was kommen wird. Bei der Pop-Kultur vor vier Jahren im Berghain ging es ja sehr rockig zu, aber ihr Hang zum Jazz ist bekannt und hat uns etwas geängstigt. Hat doch eine aus meiner Gang sie mal in Malmö gesehen und sich nicht getraut zu gehen, weil es so schlimm war. Unser Magengrummeln wurde jedoch nicht bestätigt: sie stellte ihr neues Album vor und den Vorboten „Kong“ durften wir ja schon hören. Harfe, Xylophon, Percussion geben wunderschöne Melodien zu doch politischen Texten.

Erwähnenswert ist unbedingt, dass die Frauen in der Band recht prominent vorn standen und gefühlt fünf mal die Instrumente gewechselt haben. Xylophonistin Rosie hat besonders beeindruckt und T. aus meiner Gang schwört, dass sie ihr zugelächelt hat. Die Energie auf der Bühne war sehr schön, Neneh Cherry wirkte hochkonzentriert, denn ihre Monitor-Ohrstöpsel haben nicht funktioniert. Sie riss sie mit den Worten „I’m oldschool, I don’t need this anyways“ raus und fertig war der Lack. Sie kam oft an den Bühnenrand und schenkte uns ein Lächeln, machte Witze über ihre Pumphose mit dem MC Hammer-Move und so einige andere Scherze. „Manchild“ und „Woman“ hat sie auch, mal wieder in etwas anderer Version, performt. Es war so schön! Lustig war auch der eine DJ im Hintergrund, bei dem der Ventilator für die Laptops den Effekt einer Windmaschine hatte. Jennifer Lopez wäre vor Neid erblasst. Bestes Konzert der Pop-Kultur.

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Freitag.

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Den letzten Tag haben wir mit einem Kinofilm begonnen: „Silvana“. Die Dokumentation über DIE schwedische Hip Hop-Künstlerin wurde im Zuge der Pop-Hayat gezeigt. Erzählt wird die Geschichte, wie die Tochter litauischer und syrischer Eltern in Schweden gegen den Rechtsruck ankämpft und schließlich Nummer Eins in den Charts wird. Nebenher verlieben sie sich und der zweite feministische Popstar Beatrice Eli ineinander, was am Anfang unglaublich süß ist, aber irgendwann in Beyoncé/JayZ-Zuckerguss abdriftet. Sie geben Konzerte für Ihre queeren Fans und diese heulenden jungen Mädchen im Publikum sind so rührend. Ich hätte auch gern eine lesbische Supercouple als Teenie gehabt, trotzdem kratzt irgendwie alles nur an der Oberfläche, viele Konflikte bleiben nicht auserzählt. Die Bilder sind trotz allem großartig.

Wir sind dann noch für den Pop-Hayat-Talk „Çayquiri zum Selbermachen – ein Talk über queere Clubkultur“ mit Missy-Autorin Hengameh Yaghoobifarah, Partyveranstalterin Neda Sanai und Yeşim Duman geblieben. Im Großen und Ganzen ging es darum, dass queere Parties immer mehr Heterosexuelle anziehen und wir oft das Gefühl haben, uns nicht mehr in einem Safe-Space zu befinden. Möchte man jedoch Geld verdienen oder das Ganze zumindest vollständig finanzieren, muss man sich öffnen. Auch beim Sponsoring braucht es manchmal große Marken und auch da gibt es wieder Künstler_innen, die mit Red Bull zusammenarbeiten. Klar, auf der einen Seite ist das ein populistischer Verein, auf der anderen Seite bekommen queere Künstler_innen eine unglaubliche Sichtbarkeit und Reichweite. Es ist nicht einfach und natürlich kam es auch da bei 40 Minuten Redezeit zu keinem richtigen Fazit.

Und so rannten wir zu Ghostpoet. Das letzte Mal haben wir den auf dem Berlin Festival 2013 in Tempelhof gesehen, da stand er allein auf einer Minibühne und es war ein sehr intimes Konzert. Nun hatte er eine riesige Band dabei, aber leider ist der Funke nicht übergesprungen. Die Band war toll, keine Frage, aber Ghostpoet gab permanent den Techniker_innen Zeichen, dass irgendwas nicht gut genug war und so konnten wir uns genauso wenig einlassen wie er. Sehr schade, denn wir haben dadurch das meiste von Ebow verpasst.

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Für die letzten Songs von Ebow konnten wir uns aber noch ins Maschinenhaus quetschen. Da war Stimmung in der Bude. Die Münchnerin, die in Wien Architektur studiert, hat schon 2013 ihr erstes Album aufgenommen und begeistert mit ihren selbstbewussten feministischen Texten. Das meist weibliche* Publikum war schön am Hüpfen, die Klamotten und Haare klebten sofort. Sie kündigte ihren letzten Song an, um dann der enttäuschten Menge zu erklären, dass sie eh für eine Zugabe zurückkommen wird und uns alle nur teasen will. Das war vom Spaß auf der Bühne ein ganz anderes Level als vorher. Absolut empfehlenswert, auch als Teil der Gaddafi Gals.

Nach einer etwas zu langen Verschnaufpause kam der letzte Höhepunkt: Noga Erez. Die Sängerin aus Tel Aviv ist gefühlt seit einem Jahr mit ihrer Band ununterbrochen auf Tour und hat zudem einen unglaublichen Output. Ihr Markenzeichen, der Dutt, ist nun platinblond und das sieht natürlich fabelhaft aus. Fabelhaft war wie immer auch ihre Show: schön elektronischer Wumms. Ziemlich wahrscheinlich war auch sie ein Grund, warum der BDS mal wieder Gift und Galle über die Pop-Kultur kotzte, aber würden die sich einmal mit der düsteren Grundstimmung ihrer Songs beschäftigen wäre ihnen klar, dass nicht alle Israelis den Politischen Kurs Israels gutheißen.

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Nun gut. Die Stimmung auf dem Konzert war großartig, Noga Erez war sehr gerührt. Sie hat ungefähr vier Mal beteuert, dass sie nicht gern bei Gigs redet, aber dass sie glücklich ist, in Berlin zu sein und dass wir alle gekommen sind. Das war ja nun mein drittes Konzert und ja: sie redet echt nicht viel, aber ihre Musik ist einfach so mitreißend, dass sie das auch nicht muss. Ein kleines Geschmäckle hinterlässt es natürlich, dass sie in den Red Bull Studios Berlin produziert haben. Trotzdem war es ein würdiger Abschluss eines tollen Festivals. Wie immer. Ich habe einiges Neues kennengelernt, manches beherzt ausgelassen (Drangsal, weil neues Album nicht gut und Hayiti, weil Cloud Rap nicht meins) und wieder über vieles diskutieren dürfen. Danke!

 


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