Konzertbericht: Selah Sue in Berlin

Pompös, pompöser, Selah Sue.

Fotos: Corinna Sauer, Text Kanz.lerin
Konzert am 14. März 2015 im Astra Kulturhaus

Was für ein rauschendes Fest, welch mitreißendes Konzert das war! Das, was da gestern im Astra Kulturhaus passierte, lässt sich mit einem einfachen Adjektiv beschreiben: phänomenal. Es stimmte meiner Meinung nach alles: vom Support-Act, dem tollen Gabriel Rios über den Sound, die hübsch ausgeleuchtete Bühne, das verdammt gut gelaunte Publikum (danke, dass die meisten von Euch die Handys haben stecken lassen) bis hin zur umwerfenden Selah Sue mitsamt Band.

Sie hat mich schon mit ihrem gleichnamigen Debütalbum von 2011 dermaßen erwischt, dass ich mir sogleich Tickets für das Konzert im Februar 2012 kaufen musste und drei weitere Freundinnen dazu bewegen konnte, gleiches zu tun. Das Konzert damals im Postbahnhof war ganz nett, allerdings war dort der Sound ohrenbetäubend und zu basslastig und somit kein Vergleich zu dem, was wir gestern erleben durften. Sicherlich stimmen mir diejenigen, die damals dabei waren, zu, oder? Die etwas schüchterne junge Belgierin entwickelte sich innerhalb der letzten drei Jahre zu einer routinierten und selbstbewussten Künstlerin, die genau weiß, was sie tut. Sich aber trotzdem nicht immer im Klaren darüber, wie ihre Gesten und Worte auf das Publikum wirkten, das sie bejubelte und befeuerte.

Ein Mann und seine Gitarre – Gabriel Rios
Eines vorweg: wir sind bekennende Gabriel-Fans. Daher wollten wir rechtzeitig im Astra sein, um uns vorab von ebendiesem einlullen zu lassen. Jenen hatte Corinna bereits einige Wochen zuvor zum Interview getroffen und sich anschließend von seinen Künsten, das Publikum zu faszinieren und zum entspannten Sitzen zu bewegen, überzeugen können. Im kleinen und intimen Rahmen funktionierte das hervorragend, aber würde er es auch schaffen, ein größeres Publikum zum Schweigen zu bringen? Jein, eher ja. Gequasselt wird bei den Vorbands bekanntlich immer ohne mit der Wimper zu zucken, aber dieses Mal war es irgendwie anders.

Ohne Unterstützung von Cellistin und Bassisten stand nur er mit seiner Gitarre auf der Bühne und beeindruckte allein mit Stimme, Gitarre und ein bisschen Stampfen. Meines Erachtens ist das die Königsklasse der musikalischen Unterhaltung, welche er sehr gut meisterte. Er macht dem Genre Singer-Songwriter alle Ehre und beweist, dass es nicht mehr braucht, als eine Gitarre, Gesang und das gewisse Etwas, um die Menschen in ihren Bann zu ziehen und zu unterhalten. Ich kann mich nicht daran erinnern, einen Support-Act erlebt zu haben, dem ähnliches gelungen ist. Das Publikum dankte ihm mit viel Applaus und noch einer großen Portion Auferksamkeit. Sichtlich erfreut war der Gabriel darüber, denn „in anderen Ländern sei das nicht so“. Welche Länder das waren wollte er uns leider nicht verraten.

Kein bisschen leise – Selah Sue und ihr Raggamuffin
Dann betrat Selah Sue die Bühne. Mit zwei sehr ruhigen Liedern machte sie erstmal dort weiter, wo Gabriel aufhörte. Das hat sie genau richtig gemacht, denn alle wollten mehr: mehr Groove, mehr Instrument, mehr Stimme, mehr SOUND. Alle waren heiß, habt ihr mitbekommen, wie Selah sich nach „Daddy“ die Hände gerieben hat? Das war sicherlich uunbewusst, aber spätestens da war mir klar: wir sollten ihn bekommen, diesen vollen und dicken Sound! Uns wurden neue Songs aus ihrem am 27. März 2015 erscheinenden Album „Reason“ vorgestellt, aber auch die alten Kracher präsentiert. Mir wurde mal wieder bewusst, warum ich ihr Debüt zu liebe. Mit Songs wie „Crazy Sufferin Style“ oder „Peace Of Mind“ brachte sie die Halle zum Kochen, aber auch die unglaubliche Slomo-Nummer „This World“ gefiel. Hier werden die Lieder nicht nur eins zu eins dem Album nachgespielt, jedes bekommt seinen eigenen live-Stempel aufgedrückt. Jeder Song, ob langsam, schnell, funkig oder soulig, wurde uns live meisterhaft präsentiert. Dazu ihre Stimme, ihre Ausstrahlung und Perfomance, sich zur Musik bewegen kann sie ganz wunderbar. Ihre kleinen und kaum wahrnehmbaren Tanzeinlagen ließen insbesondere einem Besucher drei Worte entfahren, über die sogar Selah lachen musste.

Selah Sue live @ Astra Berlin

Nach „Fyah Fyah“ beging sie den kleinen Fehler, eines ihrer ruhigeren Lieder vom neuen Album zu spielen. Für kurze Zeit war die Luft raus – gut für mich, denn ich musste auf Toilette und brauchte ein neues Bier. Bei „Raggamuffin“ wiederum gab es schließlich kein Halten mehr. An jener Stelle wunderte ich mich, dass sie diesen Track nicht als Zugabe geplant hatte. Hoch erfreut über so viel Applaus, bedankte sie sich aufrichtig über „die Energie, die wir ihr entgegenbrachten“. Ach ja, auch dieses Mal hat Selah in die Cover-Kiste gegriffen. Ich hoffe, Euch ist aufgefallen, dass sie „Lost Ones“ von Lauryn Hill im Gepäck hatte.

Ich finde es immer noch bemerkenswert, welch facettenreiches Gesicht sie ihrer Musik gibt – was ich hörte, pendelte zwischen Reggae-Ragga-Tunes, Soul, Elementen aus Dubstep und klassischem Singer-Songwriting. Wenn ich hier fast ausschließlich Lobeshymnen ausstoße, dann nicht, weil ich dafür bezahlt werde (das werde ich nämlich nicht) oder ich verblendet bin von der Sympathie, die ich für diese junge Dame und ihr Talent empfinde. Nein, es war einfach rundum schön, oder aber mit den Worten eines Besuchers ausgedrückt: „Ein geiles Konzert, ein geiles Konzert, oder?“ Es hat großen Spaß gemacht, mit den anderen Menschen zu feiern und den Klängen zu lauschen, sich mitreißen und begeistern zu lassen. Warum nur bekomme ich immer so schnell Pipi in die Augen?!

Ich möchte wetten, dass selbst diejenigen unter Euch, die keinen Plan hatten, was sie an dem Abend erwarten würde, begeistert waren und dachten, sie würden fast jeden ihrer Songs bereits kennen. Schließlich ist fast jeder ihrer Songs eingängig und lädt zum Mitsingen ein (was wir, also nicht ich, aber Ihr, auch getan habt). Ihre Texte hätten von Wurst und  Käse handeln können (zumindest auf belgisch), ich wäre genauso begeistert gewesen, denn diese Spielfreude, Leichtigkeit und Harmonie in allem, ließen uns beschwingt und euphorisch gehen.

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Fakten
Als Sanne Putseys 1989 in Löwen / Belgien geboren

Studioalben
2011 Selah Sue
(2012 Rarities)
2015 Reason

Anstehende Shows Deutschland
15. März 2015 Hamburg // Große Freiheit 36 (Support Gabriel Rios)
18. März 2015 KÖln // Live Music Hall (Support Gabriel Rios)
29. März 2015 Frankfurt a.M. //  Batschkapp (Support Gabriel Rios)



Angela
Wer?

Ich mag Serien (derzeit oder kürzlich auf der Mattscheibe gehabt: Narcos, House Of Cards, Bloodline, The Get Down), das Tempelhofer Feld, mein Longboard, Flughäfen, Portugal, Senf, Jogginghose, Erdnusslocken, ausschlafen, frühstücken, Euch und natürlich Musik.
Ich mag auch vieles nicht – z. Bsp. Fisch, vollgestopfte U-Bahnen oder kalte Füße.


'Konzertbericht: Selah Sue in Berlin' has 1 comment

  1. 28. Dezember 2015 @ 21:56 Die Besten Alben und Konzerte 2015 | Ein Rückblick | MUSIKMUSSMIT

    […] – Comet Club 03. Rival Sons – Heimathafen 04. Patrick Watson – Gretchen 05. Selah Sue – Astra 06. The Bohicas – Kantine Berghain 07. Radkey – About Blank 08. Nothing But Thieves […]


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