Martin Kohlstedt Konzert Leipzig Foto Inken Petersen MUSIKMUSSMIT Konzertbericht

Konzertbericht: Martin Kohlstedt in Leipzig

Genau das liebe ich an vielen seiner Stücke: Auch wenn sie noch so dunkel und, fast möchte ich meinen, gruselig beginnen, irgendwann ertönt ein hoffnungsvoller Ton, eine zarte, optimistische Melodie.

Konzert am 7. Oktober 2016 im Täubchenthal Leipzig
Text und Fotos: Inken Petersen

Monate ist es her, dass ich Euch eine wärmste Empfehlung für die Konzerte des Herrn Kohlstedt gab.  Am Freitag war es dann soweit. Mit gemischten Erwartungen ging ich in das nun fünfte Konzert.

Dass Martin jedes Konzert individuell nach Lust und Laune oder besser nach Location und Reaktionen des Publikums anpasst, bekommt man überall zu lesen. Bisher konnte ich mir kein wirklich neutrales Bild davon machen, da ich ihn auf zwei sehr unterschiedlichen Festivals (Skandalös und dem Reeperbahn Festival) und noch bei der Audio Invasion im Gewandhaus in Leipzig sowie bei einem „richtigen“ Konzert in seinem Wohnort Weimar zu sehen bekam. So unterschiedlich wie die Lokalitäten waren, entpuppten sich auch seine Präsentationen und Neuinterpretationen der Stücke der beiden Alben „Tag“ und „Nacht“.

Martin Kohlstedt live in Leipzig Foto Inken Petersen MUSIKMUSSMIT

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Rückblick: Kohlstedt live in Hamburg, Leipzig und Weimar

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Auf dem Skandalös stand er mit seinem Keyboard und dem darauf stehendem Synthesizer, ohne Klavier oder Flügel, im Sand zwischen der Holzbühne und dem Schilf des danebenliegenden Sees. Das Häkken ist ein sehr hipper, an der Reeperbahn liegender Club, welcher komplett in weiß gestaltet ist und ziemlich gestriegelt und gebügelt wirkt. Nichtsdestotrotz bespielten ihn im Jahr 2015 einige Künstler_innen während des Reeperbahn Festivals, die ich wahrscheinlich eher in die Prinzenbar oder ins Molotow gesteckt hätte. Dazu zählte auch Martin Kohlstedt, welcher zur Location passend natürlich einen weißen Flügel gestellt bekam.  Gemütlich war es, wie man sich sicher schon denken kann, nicht wirklich. Bei der Audio Invasion in Leipzig spielte er im großen Saal des Gewandhaus Orchesters, wo ihm der Wunsch erfüllt wurde, einmal auf dem Flügel des Orchesters spielen zu dürfen. Hier waren Keyboard, Synthies und Co. am Start. Die Akustik war perfekt und dank der Ränge hatte man eine perfekte Sicht, konnte sich aber auch einfach in die gepolsterten Sessel sinken lassen, die Augen schließen und komplett abschalten. Das fabelhafteste Konzert war für mich jedoch das im E-Werk in Weimar. Es lag so eine positiv aufgeregte, gespannt knisternde Stimmung in der Luft und die Location war einfach unbeschreiblich gut. Ein riesiger industriegeprägter Raum mit Bar, vielen kleinen kuscheligen Sitzmöglichkeiten und wer es noch nicht kannte, war umso überraschter, dass der eigentliche Konzertraum hinter einer Tür lag und sich wie im Kino eine perfekte tribünenartige Sichtmöglichkeit ergab.
Doch kommen wir nun zu Leipzig…

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„Kriegen wir das hier mal so richtig dunkel?“

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Um 19 Uhr begann der Einlass, um 20 Uhr sollte es losgehen. Ein paar Minuten nach 8 Uhr kam der ganz in schwarz gekleidete Thüringer auf die Bühne gehopst und schwang erst gar keine großen Empfangsreden, sondern legte gleich los. Die ersten drei Stücke kamen mir nicht wirklich bekannt vor und erschienen mir wie eine Kombination aus mehreren seiner Werke.


Martin Kohlstedt Konzert Leipzig Foto Inken Petersen MUSIKMUSSMIT Konzertbericht


Martin Kohlstedt live in Leipzig Foto Inken Petersen MUSIKMUSSMIT


Diesmal wirkte das Konzert eine Spur düsterer als die zuvor von mir gesehenen. Ich muss sagen, dass der Abend in Weimar gar perfekt war. Die Stücke waren fein säuberlich ausgesucht, die Lichtinszenierung mit einem großen alten Fenster am Ende des Saals war einfach großartig und das Publikum war ein leiser, gespannter Haufen. Der Leipziger Abend konnte da leider nicht mithalten. Nervige Menschen, die den Auslöseton ihrer Kamera nicht leise stellen konnten, zerspringende Gläser, klapperndes Geldgezähle an der Bar. Hach es hätte so schön sein können. Da passte Martins düstere Auswahl an Stücken dann doch ganz gut. Wie eine kleine Hexen- und Geisterbeschwörung wirkte das Geblitze der Lichter und das Gekrache der Synthies zusammen mit dem ab und zu schelmisch grinsenden Martin am Klavier.

Zwischendurch ein verlegenes danksagendes Nicken und ein ganz, ganz kurzes Erklären des nächsten Stückes. Dann eine kleine Anekdote: Er erzählte freudig, witzelnd, dass eine Bestellung von 43 Karten für diesen Abend eingegangen sei und dass da wohl jemand Geburtstag habe. „Alles Gute!“, meinte er.  Das erklärte den vorher um anscheinend 43 Plätze herumwuselnden Mann, der versuchte, diese alle freizuhalten. Kann man schon mal machen zum Geburtstag!

Als ob das Publikum erst zur Zugabe aufzutauen schien und Martin das merkte, witzelte er, dass nach der ersten Zugabe lieber keine zweite folgen solle, da er das Konzert erstens mit dem Klavier beenden wolle und er zweitens auch gar nicht so genau wisse, was jetzt zu passen schien. Na gut, dann doch noch mal an sämtlichen Knöpfen drehen und ein paar Schalter umlegen, so schien man sich in seinen liebsten Underground-Techno-Club versetzt und Martin wippte auf der Bühne mit seinen langen Beinen  herum, bis er plötzlich abbrach und das Ganze für ganz großen Blödsinn erklärte. „Ihr habt es so gewollt. Ihr habt es selbst verbockt!“, so Martin – daraufhin folgte sogar mal ein Lachen des Publikums. Es wurde immer witziger, obwohl ich mir gar nicht so sicher bin, dass er dabei auch seinen vollen Spaß hatte, denn er schien den Abend perfekt abrunden zu wollen und so probierte er sein zweites Glück am Klavier. „Kriegen wir das hier mal so richtig dunkel?“, fragte er und erklärte, dass er vor Kurzem umgezogen sei und das schon eine recht düstere Sache sein kann. Das folgende Stück war, laut Martin, nur eine Rohfassung und wurde zwischendurch wieder kurz von ihm unterbrochen. Aber was war das bitte für eine wunderschöne Rohfassung? Etwas traurig und die Dunkelheit schien gut zu passen, andererseits hörte man auch immer wieder einen Funken Hoffnung über die Tasten tanzen. Genau das liebe ich an vielen seiner Stücke: Auch wenn sie noch so dunkel und, fast möchte ich meinen, gruselig beginnen, irgendwann ertönt ein hoffnungsvoller Ton, eine zarte, optimistische Melodie. Mehr davon! Einen Wunsch hätte ich noch: EXA mit Douglas Dare einmal live auf der Bühne zu sehen.

Martin Kohlstedt befindet sich derzeit auf Tour.

Für Fans von: Nils Frahm, Yann Tiersen, Grandbrothers, The/Das, Hundreds

Diskografie
2012 – Tag
2014 – Nacht
2015 – Nacht Reworks



Inken
Wer?

Ich zeichne und gestalte gerne Dinge & Räume um, stöbere gerne rum, sei es in der Natur, Städten, auf Flohmärkten oder in Gesprächen. Außer Musik mag ich unter anderem Katzen, Kunst und Knuspermüsli. Ich höre Musik von Foals, Cage the Elephant, Abby, Django Django, Life in Film, Kurt Vile, Tame Impala, Balthazar, Say Yes Dog, Acollective, Xul Zolar, Talking to Turtles, Martin Kohlstedt, Talisco, Charity Children, Kasabian, Beatsteaks, Chet Faker, Deerhunter, Bonaparte, uvm.


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  2. 3. Januar 2017 @ 01:38 2016. Alben, Konzerte + Entdeckungen | Jahresrückblick Anne & Inken

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