Im Interview und Konzert Lucy Rose Berlin MUSIKMUSSMIT

Im Plausch mit: Lucy Rose

There’s no point in writing a song when it doesn’t make at least me wanna cry.

Lucy Rose darüber, wie ihr enger Kontakt zu ihren Fans das Musikmachen vereinfachte und ihr musikalisches Selbstbewusstsein wiedererweckte.

Konzert am 28. September 2017 im silent green Kulturquartier
Interview und Text: Maria Preuß

Im September hatte ich die Gelegenheit Lucy Rose live zu erleben und ihr vorher einige Fragen zu stellen. Die britische Sängerin und Musikerin ist derzeit auf Tour, auf der sie nicht nur ihr neues Album „Something’s Changing“ vorstellt, sondern bei einigen Shows auch eine kurze Dokumentation über ihre außergewöhnliche Tour in Süd-Amerika zeigt. Da es für sie fast unmöglich war aus Europa Konzerte in Süd-Amerika zu buchen, bat Lucy Rose ihre südamerikanischen Fans dabei um Hilfe. Aus einer Tour wurde ein Selbsterfahrungstrip, eine Reise zu Lucy Rose‘ musikalischem Kern, der durch die Begegnungen mit ihren Fans offen gelegt wurde.

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Let’s do it right here, right now!

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Schaut man, was über Lucy Rose geschrieben wurde, finden sich weniger Attribute wie „kantig“ oder „interessant“. Sie gilt als „nett“, im schlechten aber auch im guten Sinne. Dennoch scheint sie skeptisch zu sein, als wir uns im Backstage-Bereich des ungewöhnlichen Veranstaltungsortes silent green Kulturquartier im Wedding begrüßen. Sie mustert mich erst, bevor sie wenige Höflichkeitsfloskeln verliert und dann ihren Person-des-öffentlichen-Lebens-Vibe anschaltet: „Ok, let’s do it right here, right now!“.

Auf meine Einstiegsfrage, wer sie so sei, reagiert sie äußerst unbegeistert. Daher ändere ich schnell den Kurs, um direkt über die Süd-Amerika-Reise, die Kurzdoku darüber und das daraus entstandene neue Album zu sprechen. Nachdem ich gestehe, bei der Doku vor Rührung geheult zu haben, ändert sich ihr Blick und ihre Antworten auf alle folgenden Fragen gibt sie mit Gründlichkeit.

Im Interview und Konzert Lucy Rose Berlin MUSIKMUSSMIT

Maria & Lucy

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I lost touch with my confidence

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Nach dem Ende der Tour zu ihrem zweiten Album hatte Lucy Rose nicht mehr die Kraft weiter zu machen und wieder von vorne anzufangen: Songs schreiben, aufnehmen, veröffentlichen und eine Mindestgröße an Verkaufszahlen erreichen. Sie liebe es Musik zu machen und Konzerte zu geben, das erzählt sie mir mit belegter Stimme. Aber der ganze Druck und die Erwartungen, die an sie als junge Songwriterin gestellt wurden, nahmen ihr die Freude daran.

„I lost touch with my confidence and why I was making music. I had nothing really to write about or to say. I also felt like maybe this isn’t for me anymore, maybe I’m not good enough, maybe I should take the hint that things aren’t going exactly to everybody’s plan, not selling loads of records.“

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So I called out to my fans

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Wohin also mit sich, wenn man nicht mehr weiß, welcher der richtige Weg ist? Auf jeden Fall erstmal sehr weit weg. Lucy und Will (Tourmanager, Freund und nun auch Ehemann) beschlossen durch Süd-Amerika zu reisen. Und zwar durch Länder in denen Lucy Rose, obwohl sie dort nie ein Album veröffentlicht hat, unendlich viele Fans hat. Fans, die möglicherweise nie die Chance haben, Lucy Rose life zu erleben, weil Süd-Amerika nicht der größte Markt für eine europäische Künstlerin ist. Und die sie unermüdlich auf Social Media Kanälen darum bitten, nach Süd-Amerika zu kommen.

„I thought maybe I could play a couple of bar gigs or do something more than traveling, I could also do something good“, erzählt mir Lucy Rose. „But it turned out it was really difficult to book me some gigs. So I called out to my fans: Can you help me find some places to play?“

Did you go to everyone who then asked you to come?

„I think we went to everyone.“

Do you remeber how many people you visited?

„Thirty, Thirtyfive?“

Wow, that’s a lot!

„Yeah, and I actually asked quite a lot from them, it really showed which ones really cared about me to come. It wasn’t just an easy thing to say, it took a lot.

And that is something I learned afterwards. The kind of person who listens to my music is maybe a more sensitive soul and maybe not hugely outgoing and confident. So going to venues and booking a gig is a big act.“

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My fans learned they can do everything

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Lucy Rose erzählt mir von Paula, die unbedingt wollte, dass Lucy Rose sie besuchte, sich aber nicht traute, die Barbesitzer anzusprechen, um Lucy Rose zu buchen. Paula brauchte eine Woche, um ihren Mut zusammen zu nehmen. Sie war erfolgreich, sie organisierte das Konzert, lernte Lucy Rose kennen, verbrachte mehrere Tage mit ihr und lernte zum ersten Mal in ihrem Leben, dass auch sie etwas bewirken kann.

„I genuinly haven’t spoke about this before in an interview. But when I think about it now I think this is the most wonderful thing: Not only these people were told for the first time that they are important and their favorite artist visits them but they also learned they can do all those things they never imagined doing.“, resümiert Lucy.

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For the first time I feel good about myself

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Das Gefühl, wichtig zu sein und etwas bewirken zu können war nicht einseitig. Auch Lucy Rose veränderten diese Begegnungen.

„For the first time I could actually really say, I feel good about who I am with my music. I had people telling me for the first time ever that my music mattered and that it was important that I carried on making music. It just simplified the thought of making music and putting out a record. It was like: Yeah, I do it for you. Because it matters to you. And it doesn’t matter if it is just you or just that one person. I said in the beginning that I lost confidence and I thought I’m no good at this. But I realized that I had something to be proud of“.

Lucy Rose hat gelernt, ihren Wert als Musikerin nicht anhand Verkaufszahlen zu berechnen.

„It’s quality over quantity. I’d rather make a record which truly mattered to a small amount of people, but really truly mattered and not one which a lot of people listened to for a couple of months and then just get bored of it.“

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I feel less alone in those thoughts

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Das beeinflusse auch ihre Art, Songs zu schreiben, sagt sie. Sie hat gemerkt, dass ihre persönlichsten Lieder mit den tiefschürfenden Texten ihren Fans am meisten bedeuten und geholfen haben. Als ich sie frage, ob und wie sie eine Grenze zieht, welche Inhalte zu privat für ein Liedtext sind, erzählt sie mir, diese Frage auch Leslie Feist in einem Online Life Interview gestellt zu haben. Diese ließe einfach die harten Wer-Was-Wann-Fakten weg und Lucy Rose verfahre ähnlich.

Trotzdem finde ich Lucy Rose‘ Lieder sehr persönlich. In Second Chance singt sie:

„… Take my photograph / And keep it ‚til I’m old enough to know / That I was lovely, and I was truthful / If only I could have seen it / If only I could have believed it / Oh, this could be my second chance“ und beschreibt damit meiner Meinung nach die Gefühle aller verunsicherten und orientierungslosen jungen Mädchen, die diese Gedanken aber normalerweise lieber für sich behalten.

Darauf erwidert Lucy: „I think the more people I meet the more I feel less alone in those thoughts. Usually I meet all the people after every concert. Usually people will open up about everything and it’s having those conversations which make me feel like I feel the same. That makes me brave enough to explore these feelings.“

Im Interview und Konzert Lucy Rose Berlin MUSIKMUSSMIT

Lucy Rose @ silent green Kulturquartier

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It’s important to have light and shade.

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An dieser Stelle wird es im Backstage-Bereich unruhig. Lucy soll auf die Bühne, um ihre Doku zu präsentieren. Dann heißt es, doch lieber noch warten. Eine Mitarbeiterin von Lucys Label bittet mich zum Ende zu kommen, damit Lucy noch Ruhe hat. Das sei schon ok, sagt diese, sie wolle sicher gehen, dass ich genug Material kriege. Meine zurecht gelegte Interview Abfolge ist mittlerweile völlig dahin und ich kann mich kaum entscheiden, welche Fragen ich als nächstes stellen will. Während meiner Recherche über Lucy Rose erfuhr ich, dass sie als Kind Klavier gelernt hat. Ich frage sie, warum sie heutzutage häufiger die Gitarre nutzt.

„The piano lessons gave me a basic level of understanding the instrument. But at the same time that knowledge on the piano limited me. In my lessons I only played scales and that drove me away from the instrument. The guitar was my own thing because I taught myself. There was no rule book, no right or wrong. If someone asked me: Oh, can you do this? I was like: No, and I am fine with the fact that I can’t do it. I can’t do scales, I can’t do anything. I can play it and it sounds ok. You can’t take that away from me and you can’t judge me on my level. But I still love playing the piano. They’re different. But I love them both, equally, really.“

You’re music is easy to listen to, has nice sounds, but the lyrics are sometimes kind of sad or at least touching. And I was wondering if this contradiction is on purpose or if you are aware of it.

„I think it’s important to have light and shade. Lyrically, some of them are sad, but not in an obvious way. It’s more thought provoking. I’m taking people to moments in their lifes which were maybe sad and they get those feelings back. But the most important thing is, I wanted to make the record comforting. Even if it is comforting you in those sad thoughts. I want this record to say, that all those feelings we have, it’s ok to have them.

And I have to sing these songs every night. They have to mean something to me, otherwise it would get boring pretty fast. There’s no point in writing a song when it doesn’t at least makes me wanna cry.“

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I could be corny as hell!

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Die Unruhe kehrt in den Backstagebereich zurück. Lucys Tourmanager Will hat schon ein Mikro in der Hand und steht neben ihr. Ich weiß nicht, ob ich noch mehr Fragen stellen kann.

„One more!“, ruft Lucy.

One more? One final question? frage ich.

„It gotta be a huuuuge question now!“

Etliche Fragen konnte ich ihr nicht stellen. Ich hätte sie zum Beispiel gern nach ihrer selbstgemachten Marmelade gefragt, die sie bei ihren Konzerten verkauft. Und worum es in ihrem allerersten selbst geschriebenen Song ging und wie sehr sie es nervt, immer in die Schublade „süße Singer/Songwriterin“ gepackt zu werden. Aber ich schließe mit einer nicht ganz ernst gemeinten Frage: Are you the good fairy?

Zu meinem Glück nimmt sich Lucy selbst dafür noch Zeit, eine wohlüberlegte Antwort zu geben.

„Hm. I definitely worry that I could piss people off by being so fucking good saintly. I don’t want to be preaching. The other day I thought: I’m like Bono. Or Annie Lennox. They’re just doing good things and it’s annoying. It’s like: Why do you tell us all to be so good people?!

And I guess some people could find me cheasy. But actually I’m not like that, I’m not a saintly person. I wanna do good things, but I still swear and can be an asshole and just another human being.“

Lucy steht auf und Will reicht ihr das Mikro. An der Tür stehend sagt sie: „But, I don’t know, I could be corny as hell.“

I think it’s great. Someone has to have some soul and heart!

„Someone has to do it!“ postuliert Lucy Rose und verschwindet auf die Bühne.

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Hier die kurze Doku zu Lucy Rose‘ Süd-Amerika Tour


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Momentan tourt sie durch Irland und Großbritannien.

Diskografie
2012 Like I Used To
2015 Work It Out
2017 Something’s Changing



Maria
Wer?

Musikalisch geprägt wurde ich von der Gitarre meines Vaters. Sie ist rot und hat keinen Namen. Mein Vater hat mit ihr Lieder von Neil Young gespielt. Wenn er selber gerade nicht spielen konnte, hörten wir seine Mixtapes auf langen Autofahrten nach Frankreich mit Musik von Tori Amos, Fiona Apple und Portishead. Wir waren immer das Auto, das mit runter gelassenen Fenstern durch die hügeligen Landschaften der Provence fuhren und die Lavendelfelder beschallten. Heute höre ich alles, was mich aus mitunter nicht nachvollziehbaren Gründen daran erinnert: Sufjan Stevens, Wolf Larsen, Feist, Whitney, Do Make Say Think, Agnes Obel, Alela Diane etc.


'Im Plausch mit: Lucy Rose' ist bisher ohne Senf.

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